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Samstag, 23. September 2017
Zeitgenössische Frechheit
Zeitgenössische Philosophie - über die Frechheit Drucken E-Mail
Sozialpolitisch - kritische Texte
Written by Miriam   

Interview 

Wie ist man zeitgenössisch frech?

Michel Meyer, Philosophieprofessor

Von Franziska Wanner-Müller

Der Belgier Michel Meyer ist Philosophieprofessor an der Universität von Mons und lehrt seit 1984 an der Universität von Brüssel. Mit dem Phänomen der Frechheit befasste sich der 48jährige jahrelang, er schrieb auch ein Buch darüber, es trägt den Titel «Über die Frechheit». Darin kam er zum Schluss: Die grösste Frechheit ist die Suche nach der Gerechtigkeit. Sie geht über Worte und Gesten hinaus, sie ist eine Existenzweise, ein eigener Weg. Nur durch die Frechheit sind Distanznahme und Ausübung der Freiheit möglich, nur durch sie lebt der Sinn für Kritik wieder auf, sagt Meyer. Doch hat er bemerkt, dass die Frechen in Zeiten, «wo alle am gleichen Wettlauf teilnehmen», weitgehend verschwunden sind und die Rolle der Hofnarren heute den Intellektuellen vorbehalten bleibt. Meyer fordert die Rückkehr der Frechen, «jener Narren, die durch uns hindurch sehen, um unsere Geheimnisse aufzudecken». Er geht mit gutem Beispiel voran: hin und wieder macht er seine intellektuellen Kollegen frech fertig. Die nerven ihn mit ihrem unumstösslichen Glauben an das Gelehrte und mit ihrem Standesdünkel.

Das Gespräch mit Michel Meyer führte Franziska Wanner-Müller.

Monsieur Meyer, wann waren Sie das letztemal frech?

Als ich in Deutschland in einem Geschäft war, um eine Füllfeder zu kaufen. Ich habe mir diejenigen französischer Provenienz zeigen lassen. Der Inhaber meinte daraufhin harsch, ich solle doch die Marke «Montblanc» kaufen, denn das sei ein deutsches Produkt und damit ein gutes Produkt. Ich habe ihn daraufhin gefragt, warum sich die Marke dann nicht «Weissberg» nenne - und bin aus dem Geschäft gelaufen.

Was ist Frechheit denn überhaupt?

Eine Lebenshaltung. Frechheit ist eine Form geistiger Unabhängigkeit. Die Suche nach der Wahrheit ist eine Frechheit.

Was bewirkt Frechheit?

Die Frechheit schafft einen Abstand zwischen dem, was Leute vorgeben zu sein, und dem, was sie wirklich sind. Frechheit bedeutet das Infragestellen der Normen. Frechheit schafft einen Abstand, eine Differenz, einen Unterschied zu den Normen und erschliesst somit deren Wahrheit und Berechtigung.

Ist Frechheit subversiv?

Einerseits ja, weil sie ohne Respekt Dinge in Frage stellt. Andererseits kann der Freche - ich denke da vor allem an früher, an die Hofnarren etwa - auch eine Stütze der Mächtigen sein. Indem der Hofnarr nämlich das Verbotene ausspricht und damit den Zorn des Volkes kanalisiert, verhindert er unter Umständen den Umsturz. Und wenn der Freche mit seiner Kritik beim Volk Empörung hervorruft, kann es sein, dass diese sich gegen ihn selbst richtet und nicht gegen die Machthaber.

Der Freche bewegt also in Wirklichkeit nichts?

Seine Rolle besteht tatsächlich vor allem darin, Missstände aufzuzeigen und das Volk zum Nachdenken zu bewegen.

Wer erträgt Frechheit nicht?

Selbstgerechte Leute, die von ihrem Tun ganz und gar überzeugt sind. Angsthasen, Mutlose und Kleinbürger. Frechheit wird von ihnen als undemokratisch betrachtet, da sie - wie erwähnt - das Versteckte, das Nichtgesagte, die Differenz zu Tage fördert. Dabei ist es die Gleichheit im Schosse der Masse, aus der der Kleinbürger die Legitimation für seine geistige Funktionsweise bezieht.

Inwiefern unterscheidet sich die Frechheit von der Beleidigung oder der Dreistigkeit?

Während die Dreistigkeit erstaunt und die Beleidigung ablenkt, sucht die Frechheit die Auseinandersetzung, und zwar von innen her. Ihre Sprache ist die Sprache der Eingeweihten. Das wissen all jene, die sich der Ironie bedienen, und dadurch unterscheidet sich die Frechheit auch von der blossen Kritik. Der Dreiste bleibt ausserhalb, der Beleidigende stürzt sich mitten hinein, der Freche aber hält Distanz - die Bedingung der Möglichkeit, der Wahrheit auf die Spur zu kommen.

Äussert sich die Frechheit immer über verbale Attacken?

Meist, aber nicht immer. Wenn einer in Jeans zur Familienfeier geht, hat das unter Umständen auch frechen Charakter.

Wie vollzog sich der historische Wandel im Bereich der Frechheit?

Im 14. Jahrhundert wurden die Narren, das waren die ehemaligen Gaukler und Spassmacher der Märkte, sesshaft. Diese offiziellen Hofnarren verschwanden unter Ludwig XIV. vom königlichen Hof. Das war der Zeitpunkt, als sich Molière in seinen Lustspielen des Narrentums bediente. Damals entstand im bürgerlich-städtischen Milieu eine Lachkultur, die die einstigen Narrenfeste in den Kirchen ersetzte.

Und wer waren die Akteure der Narrenfeste in den Kirchen gewesen?

Nun, das waren in erster Linie junge Kleriker, die sich über die Kirche lustig machten, frivole Reime sangen und auf den Altären Bratwürste verzehrten. Vor allem in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erfuhren die rituell-szenischen, karnevalesken Formen der Festkultur eine allmähliche Säkularisierung. Auf der einen Seite wurde die Frechheit verstaatlicht und bekam Paradecharakter, auf der anderen Seite wurde sie domestiziert, das heisst ins häusliche, private Leben verbannt. Die ehemalige Narrenfreiheit wurde nach und nach eingeschränkt.

Äusserte sich Frechheit immer durch Respektlosigkeit der Untergebenen gegenüber ihren Herren?

Zur Zeit der Hofnarren und Gaukler war das so. Und es besteht sicher eine grosse Tendenz, dass Freche höherstehende Autoritäten aufs Korn nehmen. Theoretisch kann sich der Freche aber über alle und alles lustig machen. Hauptsache ist, dass er das Milieu, gegen das sich seine Frechheiten richten, genau kennt. Nur so kann er treffen.

Wie würden Sie den zeitgenössischen Frechen beschreiben?

Freche sind heute leider eine Seltenheit geworden - einige wenige Intellektuelle sind verblieben. Bei den anderen hat sich die Frechheit, wenn man so will, auf das Tragen eines farbigen Jacketts oder einer auffälligen Brille reduziert.

Warum ist das so?

Zwar gibt die Demokratie das Recht auf Frechheit, andererseits bietet der grassierende Konformismus - diese Vereinheitlichung von Geschmäckern und von Meinungen - eine schlechte Voraussetzung für die Praxis des Infragestellens. Die Frechheit geriet zur Ausnahme, weil Unterschiede in einem solchen Umfeld angst machen. Jedermann nimmt heute am selben Wettlauf teil, und so wird die Kritik an diesem wirkungslos.

Demnach sind die Frechen heute überflüssig?

Keineswegs. Die tägliche Hypokrisie ist ja nicht kleiner geworden.

Wen würden Sie als zeitgenössischen Frechdachs bezeichnen?

Jean Ziegler ist ein ausgezeichnetes Beispiel. Er sagt Wahrheiten, die niemand hören will.

Ist Frechheit immer ein Zeichen des Mutes oder nicht vielleicht auch ein Zeichen von Eitelkeit, möglicherweise sogar von Arroganz?

Die Frechheit der Mächtigen würde ich als Arroganz bezeichnen, denn sie richtet sich gegen Schwächere. Eitelkeit kann man beim Frechen sicher auch beobachten, er braucht ja ein gewisses selbstdarstellerisches Talent.

Freche im Alltag mögen sich reduziert haben, dafür wird die Frechheit in Schauspiel und Komödie heute wieder gepflegt. Nach welchen Mechanismen funktioniert die Frechheit dort?

Sie ahmt nach und kehrt um. Sie tut es durch Übertreibung, ausgehend von einer Darstellung, die das, was sie nachäfft, wenigstens anfangs, ernst zu nehmen scheint. Diese Subversion, die dem Schein zunächst eine gewisse Wertschätzung entgegenbringt, steht am Ursprung der Komödie.

Ist die heute wieder öfters gepflegte Frechheit als Schauspiel - beispielsweise in der französischen Nachrichtensendung «Guignols de l'Info», die mit überzeichneten Marionetten prominenter Politiker ihre Spielchen treibt - nicht auch ein verdünntes Gift, das Schlimmeres verhindern soll?

Ja, um beim Beispiel der französischen Marionetten zu bleiben: Mit Hilfe eines Schauspiels, das per se eine gewisse Entschärfung mit sich bringt, wird die Aufmerksamkeit von der wahren Macht auf deren Karikatur gelenkt. Es wird eine Art staatlich erlaubter Frechheitskultur betrieben. Solch tolerierte Manifestationen von Frechheit sind symbolische Formen, die das ehemalige Opfer ersetzen. Das Lachen tritt damit an die Stelle der Ausmerzung der Frechen.

Wer kam in der Vergangenheit denn wegen seiner Frechheit ernsthaft zu Schaden?

Jesus und Sokrates. Die Wahrheit wird halt oft als Frechheit gesehen.

 

Quellenangabe:

Erschienen im NZZ Folio im Mai 1998
Mit freundlicher Genehmigung von NZZ Folio
http://www.nzzfolio.ch

 

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