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Samstag, 23. September 2017
Vom Geist der Zeit
Vom Geist der Zeit - ein kritischer philosophischer Text Drucken E-Mail
Sozialpolitisch - kritische Texte
Written by Miriam   

ZEITREISE: Alles hat seine Zeit?

ZEITREISE: Alles hat seine Zeit?
Dem Glücklichen schlägt keine Stunde! Das zumindest erklärt hierzulande ein freundliches Sprichwort. Und ein chinesischer Fluch lautet: Ich wünsche dir ein Leben in aufregenden Zeiten!
Sprüche und Wünsche richten sich auf die Zeit. In ihr laufen wir auf unseren Lebenswegen. Und es hängt sehr von unserem Alter ab, ob wir nach vorne in die Zukunft schauen oder ob wir eher zurückblicken, auf das, was Erinnerung geworden ist. Wo auch immer wir hinblicken,wir tun es in der Gegenwart und im Geist der Zeit.
Die jenigen unter uns, die sich jetzt eines hohen Alters erfreuen, könnten - wenn sie noch können - wohl mit Recht sagen, daß sie viel erlebt haben in ihrer Zeit. Sie blicken am Ende dieses Jahrtausends auf den größten Teil eines aufregenden, spannungsreichen Jahrhunderts zurück. Darin gab es für oder gegen sie leichte und schwere, glückliche und leidvolle Zeiten. Es waren die großen und die kleinen Ereignisse, die sie auf ihre Weise erfahren oder mitgestaltet haben; die sie manchmal auch ohnmächtig miterleben mußten. Doch können sie heute, am Abend ihres Lebens erinnernd sagen: Dies alles geschah seinerzeit zu meiner Zeit.
Diejenigen unter uns, die sich jetzt einer gewissen Jugendlichkeit erfreuen, könnten - wenn sie schon können - wohl mit Recht sagen, daß sie noch viel erleben wollen in ihrer Zeit. Sie blicken in Erwartung des neuen Jahrtausends auf das, was sie vor sich haben möchten und was ihnen auch bevorstehen könnte. Was den Alten Erinnerung bedeutet, könnte den Jungen eine Vorstellung von ihrer Gegenwart und Zukunft bedeuten. Sie werden das Heft in die Hand nehmen müssen, worin jeder in seiner Handschrift schreiben wird: Dies ist meine Zeit!
Was aber ist meine Zeit ? Kann die Zeit meine, deine, seine oder ihre sein? Gehört sie überhaupt jemandem? Ist sie nicht einfach da, uns geschenkt, so wie die Luft, die Erde oder das Wasser? Und sollten wir mit diesem Geschenk, an dem wir gemeinsam teilhaben nicht sehr sorgsam umgehen? Wer könnte die Zeit in ihrer Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft als sein Eigentum betrachten, mit dem man beliebig verfahren kann? Wer könnte einen Zaun um "seine Zeit" errichten, wie um ein Grundstück ?
Jean Jacques Rousseau meinte ja, die Ungleichheit habe die Menschen befallen als der erste begann, ein Grundstück einzuzäunen und es als mein Eigentum zu bezeichnen um andere auszugrenzen.
Vielleicht ist mit der Zeit etwas ganz Ähnliches geschehen. Es ist möglich geworden sie als Arbeitszeit zu verkaufen und einzukaufen oder sie gar zu stehlen.. Es ist möglich geworden, die Gegenwart der Zukunft oder einer fremden Sache zu opfern. So etwas geschieht in Schulen, Betrieben und Kasernen, manchmal sogar in Kaufhäusern und vor Bildschirmen. Leidenschaftlich kritisierte Rousseau das Zeitopfer, das er als Lebensopfer begriff. In seinem Roman über die Erziehung Emiles schrieb er 1762:
"Was aber soll man von jener barbarischen Erziehung denken, welche die Gegenwart einer ungewissen Zukunft aufopfert, die ein Kind mit Ketten jeder Art belastet und es von vornherein elend macht, um ihm für später, ich weiß nicht, welches vermeintliche Glück zu sichern, dessen es voraussichtlich nie teilhaftig werden wird?.... Warum wollt ihr diese ersten eiligen Jahre, die für sie ebenso wenig wiederkehren als für euch, warum wollt ihr sie mit Bitterkeit und Schmerzen erfüllen.....Schafft euch nicht Vorwürfe, indem ihr ihnen die wenigen Augenblicke raubt, die die Natur ihnen vergönnt: sobald sie die Lust des Daseins empfinden können, sorget dafür, daß sie es genießen, sorget, daß, zu welcher Stunde Gott sie rufe, sie nicht aus dem Leben gehen, ohne es gekostet zu haben."
Und wenige Seiten zuvor schrieb er: "Nicht derjenige Mensch hat am meisten gelebt, der die meisten Jahre zählt, sondern derjenige, der am meisten sein Leben empfunden hat..."
Der gelebte Augenblick, das empfundene Leben erscheinen hier als höchstes Glück. Darin gäbe es keine Zeit, die fremden Zwecken zu opfern wäre. Die notwendige Sorge für sich und seine Nächsten oder die gastliche und liebende Zuwendung wären keine Zeitopfer mehr, wenn wir sagen können: Ich widme dir diese Stunde oder mehr. Was wir in dieser Zeit tun kann ja den Augenblick mit empfundenem Leben erfüllen. Da muß niemand mehr ein goethischer Doktor Faustus sein. Der jagte dem Glück nach, während ihm das Glück hinterher rannte. Ihn sollte der Teufel holen, wenn er zum Augenblicke sagen würde: Verweile doch, du bist so schön!
Es gibt sie, diese großen Augenblicke, in denen wir die Zeit anhalten möchten. In ihnen wünschen wir uns, die glücklichen Momente mögen dauern und bei uns verweilen. Doch vergeht gerade in ihnen die Zeit wie im Fluge. Erst in der Erinnerung werden diese leichten Zeiten bedeutungsschwer und ausgedehnt, lang und auch bleibend. In unseren Erzählungen sind sie ein Leben lang wach. Sie bilden die wahren Lieder und Gedichte, die Träume auch, denen wir unsere Sehnsucht und Lebendigkeit verdanken.
Dagegen stehen schwere Zeiten, die wie Ewigkeiten dauern. Die Zeit bleibt stehen. Indem wir wünschen, sie möge schnell vergehen, wird sie lang. Sie weilt lange, als lange Weile, Drohung oder Last. Doch dann, in der Erinnerung gelingt die Verkleinerung der schweren, langweilenden Zeit in ihrer Kürzung: Erst in unseren Erzählungen feiert sie erregte Auferstehung. Da wird das Schwere leicht, das Unglück Abenteuer. Die Niederlage wird zum Sieg, die überlebte Not zur überstandenen Prüfung. Das ist uns der Rede wert, im Freigang eines geborgten Lebens auf Bewährung.
Wer das nicht glauben mag, kann doch versuchen zu verstehen, warum wir mit viel Leidenschaft von Unfall, Krieg und Krankheit, von Elend, Mühsal oder Niedertracht erzählen oder einfach klatschen. Vielleicht sind es gerade die Schicksale, die wir nicht selbst erleben wollen, vor denen wir uns fürchten, die wir in unseren Geschichten beschwören?
Aber dann ist da noch diese grausige Vorstellung, die uns weismachen will: "Zeit ist Geld". Gegenüber diesem kapitalen Unsinn könnten wir uns schweigend resistent erweisen. Dagegen wäre die Zeit der Erwartung, der guten Hoffnungen, der Sehnsucht nach etwas Besserem als dem was ist, zu verteidigen. Erst in der Erwartung und Gestaltung einer besseren, schöneren, lebenswerten Welt können wir getrost sagen: Zeit spielt keine Rolle. Und dann: Verweile doch, du bist so schön.
Das ist ein durchtriebener, ein subversiver Satz. Erst im Spiel und in der Liebe - wo denn sonst - kann Zeit keine Rolle mehr spielen, die mit Geld aufzuwiegen wäre. Hier ist unsere Zeit wertlos, weil sie bedeutend im sich erfüllenden Augenblick geworden ist. Das Prinzip des Tausches von "Zeitwerten" kann also entkräftet werden. Was wir uns in der Zuwendung schenken, verlieren wir nicht. Das hat keinen Preis. Das bleibt im Dialog bei uns. Im Schenken werden wir ohne Bereicherung reicher.
Die Liebe hat übrigens etwas mit der Bildung gemein. Beide setzen das Prinzip der Händler, das Tauschprinzip der Zeitverwerter außer Kraft. Wir geben uns hin, schenken etwas und werden doch reicher. Wir lehren unsere Schüler indem wir uns ihnen zuwenden. So geben wir ihnen unser Wissen und Können, unsere Einsicht und Zeit. Wir verlieren dabei nichts von dem was wir geben. Wir machen uns in diesem Tun nicht ärmer, sondern vermehren die Gaben, indem wir sie mit-teilen, weitergeben oder empfangen.
Es ist wieder Rousseau der hierzu einen überraschenden Gedanken formulierte. In der Bildung zwischen den Menschen ginge es demnach nicht darum Zeit zu gewinnen. Die Kunst bestünde gerade darin, "Zeit zu verlieren", zu schenken, Muße zu finden. Skolé bedeutete in der Antike "Ort der Muße", wo man lernen konnte etwas nur Zweckmäßiges nicht zu tun. In der Übung der sieben freien Künste, beim Symposion, also beim Gastmahl und im Spiel sollte es möglich sein zu sich zu kommen, sich in seiner Zeit mit anderen zu erkennen.
Daran hat Friedrich Schiller in seinen Briefen über die Ästhetische Erziehung erinnert als er schrieb, daß der Mensch erst im freien Spiel ganz Mensch sein könne und daß er nur da ganz Mensch sein könne, wo er spiele. In solchem Spiel geschieht etwas anderes als Zeitvertreib und Freizeitgestaltung; da entsteht eine Vorstellung von möglicher Freiheit.
Heutigen Menschen, die ihre Zeit dem Reich vermeintlicher Not-Wendigkeiten opfern, mögen solche Gedanken wie schwärmerische Träumereien erscheinen. Wenn es Träume sind, dann erinnern sie doch an die Kindheit. In ihr waren die Stunden, Tage und Jahreszeiten länger, die Räume größer und die Wege weiter. Nicht die Uhr und kein Kalender der Termine regelten die Zeit und verkürzten sie zu einem knappen Gut. Sie war da und wir konnten in ihr sein. Diese Erfahrung kann uns auf all das aufmerksam machen, was durch die Vermessung, Einteilung, Verplanung und Beschleunigung der Zeit bedroht worden worden ist: Die Geduld, die Dauer, das Erwarten, der Rhythmus des Gehens auf unseren Lebenswegen.
Eine alte Kalendergeschichte erzählt von den ewigen Karawanenzügen der Tuaregs durch die Sahara und darin von einem kurzen, kaum erwähnenswerten Ereignis:
"Jahrtausendelang hatten die Männer mit ihren Kamelen vierzig Tage gebraucht, um von der nordafrikanischen Küste bis zu der Oase Tamanrasset zu gelangen. Vierzig Tage Weg, vierzig Tage schweigendes Wandern, Geschichten und Märchen in den Nächten, Gesänge den großen Zug entlang, vierzig Tage Gebet. Und dann kam eines Tages das erste Flugzeug in die Oase Tamanrasset. Und der Pilot sagte zu den Männern: Seht einmal, sagte er, ihr habt vierzig Tage gebraucht, und wir schaffen das jetzt mit einem einzigen Tag. Da fragten die Männer: Und was macht ihr mit den übrigen neununddreißig Tagen ?"
Nun, wir wissen, was sie machen: Sie fliegen noch neununddreißig mal - wenn es sich lohnt. Denn Zeit ist für sie Geld. Um Geld zu gewinnen müssen sie ihre Zeit verschwenden. Mit dieser Zeit aber verschwenden sie ihr Leben.
Noch immer gleicht unser Leben einer Reise durch die Zeit. Wir schwimmen auf Zeitenwellen, die uns schaukeln und manchmal auch verschaukeln. Wir erfahren das auf und ab als Zeitzeugen, die ihre Zeit zeugen. Der Zeit bleibt das gleichgültig. Nur im Wissen um unsere Endlichkeit auf dieser Erde schauen wir in Panik oder Gelassenheit auf den Zeitstrom in dem wir schwimmen. Panisch reagieren diejenigen auf die Vergänglichkeit ihrer Zeit, die ständig auf der Flucht nach vorne sind, denen etwas bevorsteht, die Angst haben etwas zu versäumen oder versäumt zu haben.
Dagegen wäre Gelassenheit zu wünschen. Sie ist eine Kunst der Weisheit. Gelassenheit könnte ein Privileg des Alters sein, von dem die hektische Generation der Terminmenschen nicht einmal zu träumen wagt. Vielleicht können wir erst im Alter herausfinden, ob alles zur rechten Zeit geschehen ist, was wir getan haben, was mit uns getan wurde und ob es gut war. Selbst das, was wir gelassen haben, kann dann in einem neuen Licht erscheinen. Mitunter können wir sogar von Glück reden, wenn wir mit Karl Valentin feststellen müssen:
"Ich konnte damals erst übermorgen starten."
Johannes Beck
Allgemeine Pädagogik, Institut für Kulturforschung und Bildung, Universität Bremen
Interview für den Hessischen Rundfunk: Vom Geist der Zeit, Januar 2001

von Johannnes Beck

Dem Glücklichen schlägt keine Stunde! Das zumindest erklärt hierzulande ein freundliches Sprichwort. Und ein chinesischer Fluch lautet: Ich wünsche dir ein Leben in aufregenden Zeiten!Sprüche und Wünsche richten sich auf die Zeit. In ihr laufen wir auf unseren Lebenswegen. Und es hängt sehr von unserem Alter ab, ob wir nach vorne in die Zukunft schauen oder ob wir eher zurückblicken, auf das, was Erinnerung geworden ist. Wo auch immer wir hinblicken,wir tun es in der Gegenwart und im Geist der Zeit.

Die jenigen unter uns, die sich jetzt eines hohen Alters erfreuen, könnten - wenn sie noch können - wohl mit Recht sagen, daß sie viel erlebt haben in ihrer Zeit. Sie blicken am Ende dieses Jahrtausends auf den größten Teil eines aufregenden, spannungsreichen Jahrhunderts zurück. Darin gab es für oder gegen sie leichte und schwere, glückliche und leidvolle Zeiten. Es waren die großen und die kleinen Ereignisse, die sie auf ihre Weise erfahren oder mitgestaltet haben; die sie manchmal auch ohnmächtig miterleben mußten. Doch können sie heute, am Abend ihres Lebens erinnernd sagen: Dies alles geschah seinerzeit zu meiner Zeit.

Diejenigen unter uns, die sich jetzt einer gewissen Jugendlichkeit erfreuen, könnten - wenn sie schon können - wohl mit Recht sagen, daß sie noch viel erleben wollen in ihrer Zeit. Sie blicken in Erwartung des neuen Jahrtausends auf das, was sie vor sich haben möchten und was ihnen auch bevorstehen könnte. Was den Alten Erinnerung bedeutet, könnte den Jungen eine Vorstellung von ihrer Gegenwart und Zukunft bedeuten. Sie werden das Heft in die Hand nehmen müssen, worin jeder in seiner Handschrift schreiben wird: Dies ist meine Zeit! 

Was aber ist meine Zeit ? Kann die Zeit meine, deine, seine oder ihre sein? Gehört sie überhaupt jemandem? Ist sie nicht einfach da, uns geschenkt, so wie die Luft, die Erde oder das Wasser? Und sollten wir mit diesem Geschenk, an dem wir gemeinsam teilhaben nicht sehr sorgsam umgehen? Wer könnte die Zeit in ihrer Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft als sein Eigentum betrachten, mit dem man beliebig verfahren kann? Wer könnte einen Zaun um "seine Zeit" errichten, wie um ein Grundstück ?

Jean Jacques Rousseau meinte ja, die Ungleichheit habe die Menschen befallen als der erste begann, ein Grundstück einzuzäunen und es als mein Eigentum zu bezeichnen um andere auszugrenzen.Vielleicht ist mit der Zeit etwas ganz Ähnliches geschehen. Es ist möglich geworden sie als Arbeitszeit zu verkaufen und einzukaufen oder sie gar zu stehlen.. Es ist möglich geworden, die Gegenwart der Zukunft oder einer fremden Sache zu opfern. So etwas geschieht in Schulen, Betrieben und Kasernen, manchmal sogar in Kaufhäusern und vor Bildschirmen. Leidenschaftlich kritisierte Rousseau das Zeitopfer, das er als Lebensopfer begriff. In seinem Roman über die Erziehung Emiles schrieb er 1762:

"Was aber soll man von jener barbarischen Erziehung denken, welche die Gegenwart einer ungewissen Zukunft aufopfert, die ein Kind mit Ketten jeder Art belastet und es von vornherein elend macht, um ihm für später, ich weiß nicht, welches vermeintliche Glück zu sichern, dessen es voraussichtlich nie teilhaftig werden wird?.... Warum wollt ihr diese ersten eiligen Jahre, die für sie ebenso wenig wiederkehren als für euch, warum wollt ihr sie mit Bitterkeit und Schmerzen erfüllen.....Schafft euch nicht Vorwürfe, indem ihr ihnen die wenigen Augenblicke raubt, die die Natur ihnen vergönnt: sobald sie die Lust des Daseins empfinden können, sorget dafür, daß sie es genießen, sorget, daß, zu welcher Stunde Gott sie rufe, sie nicht aus dem Leben gehen, ohne es gekostet zu haben."Und wenige Seiten zuvor schrieb er: "Nicht derjenige Mensch hat am meisten gelebt, der die meisten Jahre zählt, sondern derjenige, der am meisten sein Leben empfunden hat..."

Der gelebte Augenblick, das empfundene Leben erscheinen hier als höchstes Glück. Darin gäbe es keine Zeit, die fremden Zwecken zu opfern wäre. Die notwendige Sorge für sich und seine Nächsten oder die gastliche und liebende Zuwendung wären keine Zeitopfer mehr, wenn wir sagen können: Ich widme dir diese Stunde oder mehr. Was wir in dieser Zeit tun kann ja den Augenblick mit empfundenem Leben erfüllen. Da muß niemand mehr ein goethischer Doktor Faustus sein. Der jagte dem Glück nach, während ihm das Glück hinterher rannte. Ihn sollte der Teufel holen, wenn er zum Augenblicke sagen würde: Verweile doch, du bist so schön!

Es gibt sie, diese großen Augenblicke, in denen wir die Zeit anhalten möchten. In ihnen wünschen wir uns, die glücklichen Momente mögen dauern und bei uns verweilen. Doch vergeht gerade in ihnen die Zeit wie im Fluge. Erst in der Erinnerung werden diese leichten Zeiten bedeutungsschwer und ausgedehnt, lang und auch bleibend. In unseren Erzählungen sind sie ein Leben lang wach. Sie bilden die wahren Lieder und Gedichte, die Träume auch, denen wir unsere Sehnsucht und Lebendigkeit verdanken.
Dagegen stehen schwere Zeiten, die wie Ewigkeiten dauern. Die Zeit bleibt stehen. Indem wir wünschen, sie möge schnell vergehen, wird sie lang. Sie weilt lange, als lange Weile, Drohung oder Last. Doch dann, in der Erinnerung gelingt die Verkleinerung der schweren, langweilenden Zeit in ihrer Kürzung: Erst in unseren Erzählungen feiert sie erregte Auferstehung. Da wird das Schwere leicht, das Unglück Abenteuer. Die Niederlage wird zum Sieg, die überlebte Not zur überstandenen Prüfung. Das ist uns der Rede wert, im Freigang eines geborgten Lebens auf Bewährung.Wer das nicht glauben mag, kann doch versuchen zu verstehen, warum wir mit viel Leidenschaft von Unfall, Krieg und Krankheit, von Elend, Mühsal oder Niedertracht erzählen oder einfach klatschen. Vielleicht sind es gerade die Schicksale, die wir nicht selbst erleben wollen, vor denen wir uns fürchten, die wir in unseren Geschichten beschwören?

Aber dann ist da noch diese grausige Vorstellung, die uns weismachen will: "Zeit ist Geld". Gegenüber diesem kapitalen Unsinn könnten wir uns schweigend resistent erweisen. Dagegen wäre die Zeit der Erwartung, der guten Hoffnungen, der Sehnsucht nach etwas Besserem als dem was ist, zu verteidigen. Erst in der Erwartung und Gestaltung einer besseren, schöneren, lebenswerten Welt können wir getrost sagen: Zeit spielt keine Rolle. Und dann: Verweile doch, du bist so schön.Das ist ein durchtriebener, ein subversiver Satz. Erst im Spiel und in der Liebe - wo denn sonst - kann Zeit keine Rolle mehr spielen, die mit Geld aufzuwiegen wäre. Hier ist unsere Zeit wertlos, weil sie bedeutend im sich erfüllenden Augenblick geworden ist. Das Prinzip des Tausches von "Zeitwerten" kann also entkräftet werden. Was wir uns in der Zuwendung schenken, verlieren wir nicht. Das hat keinen Preis. Das bleibt im Dialog bei uns. Im Schenken werden wir ohne Bereicherung reicher.

Die Liebe hat übrigens etwas mit der Bildung gemein. Beide setzen das Prinzip der Händler, das Tauschprinzip der Zeitverwerter außer Kraft. Wir geben uns hin, schenken etwas und werden doch reicher. Wir lehren unsere Schüler indem wir uns ihnen zuwenden. So geben wir ihnen unser Wissen und Können, unsere Einsicht und Zeit. Wir verlieren dabei nichts von dem was wir geben. Wir machen uns in diesem Tun nicht ärmer, sondern vermehren die Gaben, indem wir sie mit-teilen, weitergeben oder empfangen.
Es ist wieder Rousseau der hierzu einen überraschenden Gedanken formulierte. In der Bildung zwischen den Menschen ginge es demnach nicht darum Zeit zu gewinnen. Die Kunst bestünde gerade darin, "Zeit zu verlieren", zu schenken, Muße zu finden. Skolé bedeutete in der Antike "Ort der Muße", wo man lernen konnte etwas nur Zweckmäßiges nicht zu tun. In der Übung der sieben freien Künste, beim Symposion, also beim Gastmahl und im Spiel sollte es möglich sein zu sich zu kommen, sich in seiner Zeit mit anderen zu erkennen.Daran hat Friedrich Schiller in seinen Briefen über die Ästhetische Erziehung erinnert als er schrieb, daß der Mensch erst im freien Spiel ganz Mensch sein könne und daß er nur da ganz Mensch sein könne, wo er spiele. In solchem Spiel geschieht etwas anderes als Zeitvertreib und Freizeitgestaltung; da entsteht eine Vorstellung von möglicher Freiheit.

Heutigen Menschen, die ihre Zeit dem Reich vermeintlicher Not-Wendigkeiten opfern, mögen solche Gedanken wie schwärmerische Träumereien erscheinen. Wenn es Träume sind, dann erinnern sie doch an die Kindheit. In ihr waren die Stunden, Tage und Jahreszeiten länger, die Räume größer und die Wege weiter. Nicht die Uhr und kein Kalender der Termine regelten die Zeit und verkürzten sie zu einem knappen Gut. Sie war da und wir konnten in ihr sein. Diese Erfahrung kann uns auf all das aufmerksam machen, was durch die Vermessung, Einteilung, Verplanung und Beschleunigung der Zeit bedroht worden worden ist: Die Geduld, die Dauer, das Erwarten, der Rhythmus des Gehens auf unseren Lebenswegen.Eine alte Kalendergeschichte erzählt von den ewigen Karawanenzügen der Tuaregs durch die Sahara und darin von einem kurzen, kaum erwähnenswerten Ereignis:

"Jahrtausendelang hatten die Männer mit ihren Kamelen vierzig Tage gebraucht, um von der nordafrikanischen Küste bis zu der Oase Tamanrasset zu gelangen. Vierzig Tage Weg, vierzig Tage schweigendes Wandern, Geschichten und Märchen in den Nächten, Gesänge den großen Zug entlang, vierzig Tage Gebet. Und dann kam eines Tages das erste Flugzeug in die Oase Tamanrasset. Und der Pilot sagte zu den Männern: Seht einmal, sagte er, ihr habt vierzig Tage gebraucht, und wir schaffen das jetzt mit einem einzigen Tag. Da fragten die Männer: Und was macht ihr mit den übrigen neununddreißig Tagen ?"

Nun, wir wissen, was sie machen: Sie fliegen noch neununddreißig mal - wenn es sich lohnt. Denn Zeit ist für sie Geld. Um Geld zu gewinnen müssen sie ihre Zeit verschwenden. Mit dieser Zeit aber verschwenden sie ihr Leben.

Noch immer gleicht unser Leben einer Reise durch die Zeit. Wir schwimmen auf Zeitenwellen, die uns schaukeln und manchmal auch verschaukeln. Wir erfahren das auf und ab als Zeitzeugen, die ihre Zeit zeugen. Der Zeit bleibt das gleichgültig. Nur im Wissen um unsere Endlichkeit auf dieser Erde schauen wir in Panik oder Gelassenheit auf den Zeitstrom in dem wir schwimmen. Panisch reagieren diejenigen auf die Vergänglichkeit ihrer Zeit, die ständig auf der Flucht nach vorne sind, denen etwas bevorsteht, die Angst haben etwas zu versäumen oder versäumt zu haben.

Dagegen wäre Gelassenheit zu wünschen. Sie ist eine Kunst der Weisheit. Gelassenheit könnte ein Privileg des Alters sein, von dem die hektische Generation der Terminmenschen nicht einmal zu träumen wagt. Vielleicht können wir erst im Alter herausfinden, ob alles zur rechten Zeit geschehen ist, was wir getan haben, was mit uns getan wurde und ob es gut war. Selbst das, was wir gelassen haben, kann dann in einem neuen Licht erscheinen. Mitunter können wir sogar von Glück reden, wenn wir mit Karl Valentin feststellen müssen:

"Ich konnte damals erst übermorgen starten."



Johannes Beck

Allgemeine Pädagogik, Institut für Kulturforschung und Bildung, Universität BremenInterview für den Hessischen Rundfunk:

Vom Geist der Zeit, Januar 2001

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